Geschrieben von Prof. Dr. David Matusiewicz  – 7. Januar 2017

Der lateinische Begriff „latus“ bedeutet umgangssprachlich „querdenken“. Das ist eine Denkmethode, die im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken zur Lösung von Problemen oder der Ideenfindung eingesetzt werden kann. Der Kreativitätsguru Edward DeBono prägte im Jahr 1967 mit dem „Lateralen Denken“ einen neuen Begriff. Man sucht nicht nach der richtigen Antwort, sondern nach unbekannten Mustern, Verbindungen, Zuordnungen oder Zusammenhängen. So wie beispielsweise Steve Jobs, der an Kalligrafie-Kursen an der Hochschule teilnahm und nicht wusste, was er später damit anfangen soll. Diese Erfahrung mit den Zeichnen von chinesischen Schriftzeichen stellte sich später als eine wichtige Grundlage war, die er wie folgt auf der berühmten Abschlussrede an der Stanford University vor 10 Jahren als Gastredner zusammenfasste: Wäre ich niemals in diese Kalligraphie-Klasse gegangen, dann hätten Computer vielleicht nicht die wunderschönen Schriftarten, die sie jetzt haben. Es ist die Fähigkeit, aus dem Gefängnis der tradierten Denkmuster und Schablonen auszubrechen und durch neue Erfahrungen neue Wege zu gehen.

Es gibt punktuell auch Ansätze in der Gesundheitswirtschaft des lateralen Denkens, aber da muss man schon länger suchen. In der Zeitschrift „Gesundheitsökonomie und Qualitätsmanagement“ aus dem Jahr 2015 gibt es einen Herausgeberkommentar mit dem Titel: „Worin unterscheidet sich Microsoft Windows 10 von aktuellen Gesundheitsreformen“. Die Antworten hierzu lauten verkürzt wie folgt:

  • Beide werden mit großem Tam-Tam eingeführt; beide sollen besser als vorher sein
  • Beide sind unter Termindruck entstanden
  • Beide haben kurz nach Einführung Kinderkrankheiten
  • Und brauchen kurz nach Einführung bereits Updates (hier aber Unterschied: Windows braucht Wochen die Gesundheitspolitik Jahre!)

In einem aktuellen Buchprojekt mit dem Springer-Verlag mit dem Titel „Neuvermessung der Gesundheitswirtschaft“ sind die Autoren auf der Spurensuche des lateralen Denkens gegangen (Link: http://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-12519-6). Was kann die Gesundheitswirtschaft aus Brachen wie der Luft- und Raumfahrt, dem Militär oder der Automobilindustrie lernen? Welche Einflüsse haben hierbei die Kunst, Geschichte und Kultur auf die Gesundheitsakteure? Was hat ein Musikensemble mit einer Gesundheitsorganisation zu tun oder die Gaming-Industrie mit der Patientenkommunikation?

Dazu drei exemplarische Beispiele:

Beispiel 1: Ein Beitrag stammt von Ernst Holzmann, einem Fußball-Trainer mit DFB-Lizenz mit dem Titel: „Was kann die Gesundheitswirtschaft von Jogi Löw lernen?“ Da steht also eine Mannschaft auf dem Platz, die Spieler verstehen sich blind und man erkennt die Handschrift des Trainers. Bei Unternehmen spricht man von Konzentration auf Kernkompetenzen, klarem Profil, Stärkung des Markenkerns, oder dem Erzeugen von nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen. Natürlich gehört entsprechendes Aufmuntern der Mannschaft auch zur Aufgabe einer Führungskraft, gerade wenn es mal nicht gut läuft. Damit sind weniger das „Tanzen an der Außenlinie“ oder flammende Appelle gemeint, die zwar gut gemeint, aber oft ohne nachhaltige Wirkung sind. Und nicht jeder Mensch ist fähig, den speziellen „Push“ wie Jogi Löw bei seiner Kabinenansprache („Ihr müsst heute so viel geben wie noch nie. Dann werdet ihr das bekommen, was ihr noch nie hattet“!) vor dem WM-Endspiel gegen Argentinien zu geben. Oder so anzufeuern, wie er es bei der Einwechslung von Mario Götze tat: „Zeige der Welt, dass Du besser als Messi bist“! Stellen Sie sich vor, ihr Chef sagt Ihnen vor einem Meeting wo es um Gesundheitspolitik ist: „Geh da rein. Zeige der Welt, dass du besser als Gesundheitsminister Gröhe bist.“ Etwas befremdlich oder? Im Fußball hat es – wie wir wissen – funktioniert. Da Motivation am besten auch über das „Vorbild sein“ funktioniert, kommt der jeweiligen Führungskraft und deren Vorleben eine entscheidende Rolle zu. Wer dabei selber mit seiner Gesundheit schlampt, bis zur Erschöpfung arbeitet, Stress mit Alkohol und/oder Nikotin bekämpft und sich maximal vom Schreibtisch bis zur Kaffeemaschine bewegt, wird auch bezüglich dieser Lebensweise bald viele Nachahmer finden. Und auch mit den nicht ausbleibenden, negativen Ergebnissen bezüglich Leistungsfähigkeit und Ausfallzeiten.

Beispiel 2: André Röhl, schreibt über die Führung in der Bundeswehr aus der Perspektive eines Bundeswehr-Offiziers. Das klingt zunächst nach antiquiertem „Befehl und Gehorsam“. Dabei wird aber übersehen, dass viele moderne Managementkonzepte ihren Ursprung im militärischen Umfeld haben  – wie der Managementbegriff, der da her kommt. Ein alter Hut: „Nicht Schiffe kämpfen, sondern Menschen.“ (Ruge 1932). Diese Erkenntnis prägt militärisches Führungsverhalten nicht nur zur See. Führung wird in der Bundeswehr als Kompetenz betrachtet, deren Inhalte wie bei einem Handwerk durch Ausbildung und Erfahrung erworben werden können – und erworben werden müssen! Damit unterscheiden sich die Streitkräfte maßgeblich von vielen anderen Organisationen, in denen eine gute Fachkarriere ausreicht, um Führungsverantwortung zu übernehmen. Bei der Bundeswehr umfasst die Ausbildung zur Führungskraft eine Vielzahl sowohl praktischer als auch theoretischer, entscheidungsbezogener oder mitarbeiterorientierter Inhalte. Und im Mittelpunkt steht dabei eben nicht der autoritäre Führungsstil, sondern die Kompetenz, situativ angemessen Führungsstile einzusetzen und perspektivisch die Befähigung des eigenen Teams zu stärken. Entscheidend für die Weiterentwicklung der Führungsqualität in Krankenhäusern und in der Gesundheitswirtschaft insgesamt ist letztlich die stärkere Verankerung des Themas Führung in der Aus- und Weiterbildung. Dies sollte nicht trotz sondern gerade angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen wie Personalmangel, Aufgabeninflation und sich zu verschiebenden Einsatzfelder zwischen Pflege und ärztlichem Personal in den Mittelpunkt geraten, so der Autor.

Beispiel 3: Was kann die Krankenversicherung vom Retail bzw. Handel lernen, dass schreiben Evelyn Kade-Lamprecht und Michael Sander. Erst einmal, dass die Kassen geschätzte 10 bis 15 Jahre „digitalen“ Rückstand auf den Handel haben. Während der Online-Handel bereits erwachsen ist und boomt, ist patientenorientiertes E-Health in der Krankenversicherung erst ein zartes, zerbrechliches Pflänzchen. Wir haben also unterschiedliche Startpunkte: In der deutschen Krankenversicherung ist der digitale Trend erst wenige Jahre alt. Trotz der in vielen Facetten ähnlichen strukturellen Ausgangsbedingungen ist der Grad der Umsetzung der Digitalisierung beider Branchen grundverschieden. Beim Shoppen im Internet geben Verbraucher pro Kauf mit 136 Euro bereits mehr als doppelt so viel Geld aus, wie beim stationären Einkauf. Zum Vergleich: Die digitalen Services von Krankenkassen (digitales Gesundheitscoaching) nutzen hingegen bislang nicht einmal 5% der Versicherten (TCP 2015). Ebenso wie ein Handelsunternehmen muss eine Krankenversicherung den Versicherten in dessen Customer Journey dort abholen, wo er sich gerade befindet. Die digitale Disruption durchdringt alle Branchen und das Silicon Valley investiert massive Summen in Health-Startups. Neue, teils branchenfremde Firmen wie Tinnitracks, Mimi Hearing oder Retrobrain fordern die etablierten Akteure der Krankenkassen heraus. Jetzt kann man sagen, das hat mit unserem Tagesgeschäft nur wenig zu tun. Aber auch andere Branchen waren sich sicher, dass das nix mit ihnen zu tun hat. Während viele Taxi- und Hotelunternehmer um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen, hat sich Uber zum weltweit größten Taxiunternehmen entwickelt, ohne ein einziges Taxi zu besitzen. Airbnb ist mittlerweile einer der weltweit größten Hoteliers, ohne ein einziges Bett zu besitzen. Man stelle sich einmal vor, dass es eine „Versicherung“ ohne einen einzigen Versicherten gäbe. Wenn in vielen Branchen das bislang Unvorstellbare durch den digitalen Wandel Einzug gehalten hat, dann sind vielleicht auch in der deutschen Krankenversicherung disruptive Umwälzungen zu erwarten. Ist eine vollständig digitale Krankenversicherung à la Oscar in New York auch für Deutschland vorstellbar? Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass gerade einmal 1.000 Versicherte nötig sind, um eine Betriebskrankenkasse zu gründen, die die Basis dafür sein könnte. Könnten die GAFA´s (Google, Apple, Facebook, Amazon) auf die Idee kommen, durch einen eigenen Gesundheitsdienstleister in den Gesundheitsmarkt Europas einzudringen? Was würde passieren, wenn einer der großen Kassentanker der GKV-Szene einen digitalen Ableger gründet? Entweder in Eigeninitiative oder vielleicht in Kooperation mit etablierten Dienstleistungspartnern? Kann die Disruption nicht genauso gut von Konzernen aus dem Bereich der Leistungserbringer, z.B. Krankenhäuser, ausgehen?

Was hat das jetzt alles mit Ihnen als Führungskraft zu tun? Sie sind Teil des Transformationsprozesses einer Organisation und können diese durch ihre Talente und die richtigen Personalien hinsichtlich ihrer Mitarbeiter auch positiv beeinflussen.

Deshalb mein Appell an Sie:

  • Denken Sie mal quer und hinterfragen Sie schon immer dagewesene Prozesse: Sätze wie „Das ist historisch gewachsen.“ oder „Es war schon immer so“ sollten Sie aus ihrem Repertoire streichen.
  • Werden Sie zu so zu einem High-Performer in einer modernen Organisation. Gestalten Sie das System aktiv mit. Eine Führungskraft zu sein bedeutet Privileg und Verantwortung zugleich. Machen Sie das, wofür sie brennen.
  • Und zuletzt: Erkennen Sie Zusammenhänge und gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt. Die Zusammenhänge sind vielleicht manchmal nicht direkt sichtbar, aber vielleicht ergeben sich daraus später einmal nicht-leere Schnittmengen, wie es bei Steve Jobs passiert ist.

 


Gastautor auf www.redenfreiheit.de:

Prof. Dr. David Matusiewicz
Prof. Dr. David MatusiewiczProfessor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule
Seit 2015 verantwortet er als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit & Soziales und leitet als Direktor das Forschungsinstitut für Gesundheit & Soziales (ifgs). Darüber hinaus ist er Gründungsgesellschafter des Essener Forschungsinstituts für Medizinmanagement (EsFoMed GmbH) und unterstützt als Gründer bzw. Business Angel punktuell Start-ups  im Gesundheitswesen (zuletzt Health Innovation GmbH im Jahre  2015). Zudem war Matusiewicz bis 2014 Geschäftsführer bei der Forschungsnahen Beratungsgesellschaft im Gesundheitswesen (ForBiG GmbH). Vor seiner Berufung zur Professur an der FOM Hochschule arbeitete er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. Jürgen Wasem am Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen in den Arbeitsgruppen „Gesundheitsökonomische Evaluation und Versorgungsforschung“ sowie „Gesundheitssystem, Gesundheitspolitik und Arzneimittelsteuerung“. Seit mehreren Jahren ist Matusiewicz zudem in der Stabsstelle Leistungscontrolling in der Gesetzlichen Krankenversicherung tätig. Weitere Informationen: www.david-matusiewicz.com